Ratgeber Reifenfreiheit
Wie breit Reifen maximal sein dürfen, warum die Reifenbreite wichtig ist und was das für dich und dein Fahrrad bedeutet.
Es gibt diesen Moment. Irgendwo zwischen dem Rauschen der asphaltierten Straße und dem befriedigenden Knirschen von Schotter. Wenn die Begeisterung einsetzt und dir bewusst wird, dass deine Tour etwas abenteuerlicher wird. Dass du abseits der üblichen, erwarteten Strecke unterwegs bist.
Es ist zugleich der Moment, in dem du spürst, ob dein Bike perfekt auf dich eingestellt ist. Ob es harmonisch mit dir zusammen- oder eher gegen dich arbeitet. Es sind Momente wie diese, in denen die gewählte Strecke, der Untergrund, und das Set-up deines Bikes auf die eine Frage zurückgehen, die du dir gestellt hast: Wie viel Reifenfreiheit hat mein Fahrrad?
„Reifenfreiheit“ ist in den letzten Jahren zu einem der heißesten Themen in Radsportkreisen geworden. Vor nicht allzu langer Zeit fuhren Rennradfahrer standardmäßig mit 22 mm Reifen. Damals galt ein Rennradreifen mit 28 mm Breite als überbreit. Aber die Zeiten ändern sich. Und mit dem Aufkommen von Scheibenbremsen und der Möglichkeit, breitere Reifen aufzuziehen, wurden nach und nach selbst 32 mm zur Normalität.
Als Radsportler abenteuerlustiger wurden und das Fahren abseits der Straße an Attraktivität gewann, begannen sie, verstärkt mit verschiedenen Reifenbreiten zu experimentieren. So sehr, dass sie heute ganz selbstverständlich über die Vorzüge von 38 mm breiten bis hin zu 50+ Reifen und darüber hinaus an ihren Gravelbikes diskutieren.
Das ist kein Trend. Es ist ein Wandel in der Art und Weise, wie wir alle über Komfort, Performance und die Möglichkeiten eines modernen Rennrads denken. Und das ist wirklich faszinierend!
WAS VERSTEHT MAN UNTER REIFENFREIHEIT?
Wie der Begriff schon erahnen lässt, geht es bei der Reifenfreiheit um den frei verfügbaren Raum für die Reifen. Anders ausgedrückt: die maximal zulässige Reifenbreite, bis zu der die Reifen ungehindert durch Hinterbau und Gabel rotieren können.
Dieses Maß bestimmt deine Optionen. Mit einem Rahmen, der problemlos 50 mm breite oder noch massigere Pneus aufnehmen kann, kannst du ganz andere Strecken fahren als mit einem für höchstens 38 mm.
Das eine Bike ist eher auf Speed und Reaktionsschnelligkeit auf Asphalt und befestigtem Untergrund ausgerichtet. Das andere hingegen motiviert dich, neue Wege zu erkunden und holprige Strecken oder einen Trail zu nehmen, um zu sehen, wohin er führt.
Nach der Reifenmontage muss immer ein Freiraum von 4–5 mm (Minimum: 4 mm) auf jeder Seite des Reifens vorhanden sein, weil die Laufräder unter Last ja minimal nachgeben und damit weder Rahmen noch Gabel durch Reibung aufgrund von Schlammanhaftungen beschädigt werden. Reifen ohne ausreichenden Abstand können in bestimmten Fahrsituationen an dem Rahmen oder der Gabel schleifen. Und das willst weder du noch Rahmen noch Gabel. Reibung und Schmutz können am Rahmen wie ständiges Schleifen mit Sandpapier wirken und – im Falle von Carbonrahmen – diese schwer beschädigen.
WARUM IST DIE REIFENFREIHEIT VON BEDEUTUNG?
Nun, einfach gesagt: Je mehr Reifenfreiheit du hast, desto breitere Reifen kannst du fahren. Das bedeutet mehr Volumen in den Reifen selbst und die Möglichkeit, sie mit geringerem Druck zu fahren.
Ein geringerer Reifendruck kann eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen. Mehr Traktion. Bessere Stoßdämpfung. Und mehr Komfort beim Fahren. Das bedeutet weniger Ermüdung für dich auf längeren Fahrten und eine schnellere Erholung danach.
Wie bereits erwähnt, ist ausreichend Freiraum auf beiden Seiten deiner Reifen unerlässlich, um sicherzustellen, dass Schlamm und Schmutz, die an deinen Reifen haften, weder Rahmen noch Gabel berühren – und diese nicht beschädigen. Oder dich durch Reibung bremsen. Dies ist besonders wichtig für Gravelbikes und MTBs, bei denen man häufiger mit schlammigen Bedingungen zu tun hat.
SIND BREITERE REIFEN WIRKLICH BESSER?
Meistens ja. Tatsächlich bestätigt jede neue Testreihe zur Reifenbreite, dass breitere Reifen dank dem geringeren Rollwiderstand in den meisten Situationen besser sind. Obwohl schmalere Reifen sich bei höherem Reifendruck schnell anfühlen mögen, sind sie in Wahrheit langsamer als breitere Reifen mit niedrigerem Reifendruck. (Natürlich sind schmalere Reifen in den meisten Fällen aerodynamischer. Aber bei offroad gilt: je breiter, desto besser!).
Breitere Reifen bilden eine rundere, kürzere Aufstandsfläche, die sich beim Abrollen weniger stark verformt. Das bedeutet, dass der durch Reibung am Boden verursachte Energieverlust verringert wird. Das bedeutet: weniger Rollwiderstand. Und je mehr du den Rollwiderstand verringern kannst, desto schneller und leichter rollst du!
Ein breiterer Reifen bietet zudem mehr Grip und Traktion, insbesondere in Kurven. Das gibt dir als Fahrer beim Anfahren von Kurven mehr Sicherheit, sodass du dabei das Tempo weniger drosseln musst. Je sicherer und entspannter du dich fühlst, desto schneller kannst du fahren.
Ein weiterer Vorteil von breiteren Reifen und mehr Luftvolumen ist, dass das Risiko von Durchstichen und Durchschlägen drastisch sinkt, da der Reifen bei Steinen und anderen Hindernissen, auf die er trifft, nachgibt und sich plastisch verformt.
Ein kleiner Nachteil ist, dass breitere Reifen etwas schwerer sind. Und je breiter sie werden, desto weniger aero werden sie. Diese Nachteile können in wenigen Fällen dazu führen, dass ein schmalerer, windschnittigerer Reifen auf glatteren Untergründen schneller ist. Aber mit Sicherheit auch weniger komfortabel!
WIE VIEL REIFENFREIHEIT IST ERFORDERLICH?
Das hängt von deinen Einsatzzwecken ab. Wenn du ausschließlich auf glatten, asphaltierten Straßen unterwegs bist, suchst du wahrscheinlich nach einem Renner, der vor allem auf Performance und Speed ausgelegt ist.
Dafür brauchst du weder breite Reifen noch musst du Matschanhaftungen bedenken. Der Freiraum zwischen Reifen und Rahmen/Gabel kann daher geringer sein als für ein Offroad-Abenteuer durch zehn verschiedene Arten von Schlamm und was sonst noch so auf dich zukommen könnte. In letzterem Fall könnte es ohne ausreichenden Freiraum auf beiden Seiten deiner Reifen passieren, dass sich deine Laufräder nicht mehr drehen, weil zwischen Reifen und Rahmen oder Gabel Schlamm klebt. Schau dir die Fotos vom Unbound 2023 an, um zu verstehen, was wir meinen!
Ein praktischer Tipp ist die Prüfung mit einem Inbusschlüssel. Prüfe mit einem 4- bis 6-mm-Inbus, ob du ihn an den engsten Stellen zwischen Rahmen/Gabel und Reifen durchstecken kannst. Führe dies an Stellen wie der Unterkante des Gabelkopfs, den Kettenstreben und den Sattelstreben durch. Wenn ein 5-mm-Inbusschlüssel problemlos dazwischen passt, ist alles in Ordnung. Für Rennräder und Gravelbikes sind 4 mm das Minimum. Weniger dürfen es nicht sein, wenn du nicht gerade Kopf und Kragen riskieren willst.
Cannondale gibt die Reifenfreiheit grundsätzlich mit der gemessenen Reifenbreite plus der Industrienorm von 4 mm Freiraum auf jeder Seite an. Denn je nach Felgenbreite kann sich derselbe Reifen auf unterschiedliche Größen ausdehnen, was die Sache noch ein bisschen komplizierter macht!
FAHR MIT DEM, WAS DU HAST
Keine Frage: Das Experimentieren mit verschiedenen Reifenbreiten, Profilen und Reifendrücken ist ein endloses Abenteuer, das viel Spaß machen kann.
Aber während Profis und die Presse oft verbissen nach minimalen Verbesserungen bei Speed und Aerodynamik suchen, ist für die meisten Radsportler mehr Komfort immer wichtiger als die Zeit, die man für die Feinjustierung von Reifendruck und Reifenbreite aufwendet.
Mit anderen Worten: Wenn es sich gut anfühlt, dann fahr damit. Wenn du auf der Straße zu viele Vibrationen spürst oder auf Schotter heftiges Rütteln und Rattern, lass etwas Luft aus den Reifen. Fühlen sich die Laufräder schwer und träge an? Pump sie etwas auf, um zu testen, welchen Unterschied das macht. Perfekt ist das Set-up, welches sich für dich angenehm anfühlt.
Letztendlich sind moderne Fahrräder im Allgemeinen ziemlich anpassungsfähige Maschinen. Also wird so ziemlich jeder Reifen, der an dein Bike passt, seinen Zweck erfüllen. Denk nicht zu viel darüber nach und mach dir keinen Stress – steig einfach auf und fahr los.
Denn eigentlich wollen wir alle doch nur Rad fahren und Spaß haben, oder?
Zur Orientierung: Das SuperSix EVO Gen 5 und das CAAD14 haben eine Reifenfreiheit von 32 mm. Das Synapse Carbon bietet an der Gabel 48 mm und am Rahmen 42 mm Reifenfreiheit. An das SuperX kannst du vorn 51 mm und hinten 48 mm breite Reifen montieren. Mit Starrgabel nimmt das Topstone Carbon 56 mm breite Gummis auf, mit einer Lefty 47 mm vorn, außerdem 42 mm hinten. Das Topstone Alloy hat vorn und hinten 42 mm Reifenfreiheit.